Auf dem Weg zur Westküste – Viele Kilometer, wenige Menschen
In Nelson hatten wir uns ohnehin vorgenommen, eine Pause einzulegen – nach der Anstengung auf dem Weg dorthin war schnell die Entscheidung getroffen, drei volle Tage zu bleiben. Leider mussten wir nach der ersten Nacht die Unterkunft nochmal wechseln, was sich aber auch als Glücksfall herausstellte und in die Gästewohnung bei Robert und Lynlee führte. Die beiden waren – typische Kiwi-Gastfreundlichkeit – extrem zuvorkommend, konnten mit Babybett, Fahrradwerkzeug und Paracetamolsaft aushelfen und ließen uns sogar ihr Auto benutzen. Die Ruhepause hat gut getan, Karl konnte gesund werden und wir uns erholen. Wir konnten etwas Zeit am Strand verbringen, eine kleine Wanderung unternehmen und die Stadt Nelson ein bisschen erkunden. Sie ist ein Zentrum des Tourismus und nah an hohen Bergen sowie an den goldenen Stränden des Abel Tasman Nationalparks sowie zwei weiteren Nationalparks gelegen. Anders als in den meisten Städten Neuseelands sind hier auch Radfahrer ein üblicher Anblick. Fast jede größere Straße ist beidseitig mit großzügigen Radwegen ausgestattet und es gibt Radschnellwege, die hinein und hinaus führen.
Auf einem dieser Schnellwege konnten wir die Stadt dann zügig und ohne Verkehr hinter uns lassen. Eigentlich hätte es sich nach der langen Pause und auf flacher Strecke auch leicht anfühlen müsssen, doch irgendwie war an diesem Vormittag der Wurm drin: Nach Regen in der Nacht war alles nass, die Beine fühlten sich schwer an, Gegenwind und zu allem Überfluss war auch noch eine Reifenpanne zu flicken. Die erste Tageshälfte war mühsamer als so manch anderer langer Tag. Die Mittagspause wurde dann sehr lang und gekrönt von einem starken Kaffee im Café. Anschließend ging es dann doch wieder flott und ab jetzt auch genussvoll voran. Der Great Taste Trail führt durch Wald und Feld am Fluss entlang, durch einen alten Eisenbahntunnel und immer abseits der Straße zwischen den Hopfenfeldern durch, die in dieser Gegend allgegenwärtig sind.


Vorher: Mühsam bis zur bis zur Mittagspause gequält. Nachher: Die Pause war wohl ziemlich lang!
Licht am Ende des Tunnels: Nach der Mittagspause ging es dann doch wieder flott voran. Gut gemeint: Bekanntermaßen das Gegenteil von gut. Ist uns nun schon öfter begegnet und soll wahrscheinlich Autos und Motorräder vom Radweg fernhalten, auch mit Packtaschen am Rad hat man aber schon ein Problem.
Am Motel in Tapawera kamen kurz nach uns noch drei Männer auf großen Motorrädern an, die zunächst erstmal furchteinflößend aussahen, sich auf den zweiten Blick und im Gespräch aber als ziemlich nett entpuppten. Abends konnten wir ab und zu hören, wie sie einander gegenseitig daran erinnerten, wegen des Babys nicht zu laut zu sein. Es hat gewirkt, in dieser Nacht hat Karl zum ersten Mal überhaupt bis zum Wecker durchgeschlafen.


Hopfen und Hügel für den Rest des Tages.
Tag 34 – 62 km – 387 Hm
In den nächsten Tagen führte unser Weg durch ziemlich viel Einsamkeit, wir kamen durch keine Ortschaften außer unseren Etappenzielen – wenn dort überhaupt ein Ort war. Nur hier und da war mal ein Stückchen Hauptstraße notwendig, die meiste Zeit fuhren wir auf kleinsten Nebenstrecken, die oft nicht asphaltiert sind. Die Natur ist abwechslungsreich und ganz anders als auf der Nordinsel, man wähnt sich immer wieder im Alpenvorland. Farmland und Wald wechseln sich ab, dahinter als Kulisse stets hohe Berge. An jedem Tag war ein Pass zu überqueren, nicht allzu hoch, meist ca. sechs- oder siebenhundert Meter hoch. Heute war es bei Waschküchenwetter trotzdem sehr anstrengend.
Übernachtet haben wir in einer kleinen Backpacker-Unterkunft am Lake Rotoroa – nicht zu verwechseln mit Lake Rotorua auf der Nordinsel. In der Nachbarschaft gibt es nur noch zwei oder drei andere Häuser, keine Ortschaft. Wir hatten die Unterkunft für uns alleine, was sehr gut war: die Dichte an den kleinen Plagegeistern, die man hier Sandflies nennt, ist so hoch, dass man sich nicht draußen aufhalten konnte. Die Tierchen sind winzig, beißen aber schmerzhaft zu, die Stiche sind tagelang sichtbar und wer dem Kratzen nicht widerstehen kann, hat wochenlang was davon.


Weit draußen: Wo die Hausnummern vierstellig sind, gibt es schon lange keinen Straßenbelag mehr. Den See haben wir wegen der (garstigen!) Sandflies erst morgens und zu kurz besucht.

Meilenstein #17: Lake Rotoroa – nicht zu verwechseln mit dem sehr viel bekannteren und sehr anderen Lake Rotorua auf der Nordinsel.
Tag 35 – 62 km – 699 Hm
Heute stand nur eine kurze Strecke an, was mal wieder den verfügbaren Unterkunftsoptionen geschuldet war. Nach einer mal wieder sehr unruhigen Nacht war das aber auch sehr angenehm. Nach einem Fotoabstecher zum Seeufer (Postkartenkulisse!) ging es knackig bergauf und auf kurzer Strecke auf die heutige Passhöhe. Wer zu langsam wird oder stehenbleibt, hat hier verloren, denn auf dem steilen Schotter ist Anfahren besonders schwierig. Nach weniger als drei Kilometern war der Spuk aber schon wieder vorbei und von da an ging es stetig bergab, anfangs rasant und durch mehrere Flussfurten hindurch, später dann gemächlicher. Schon zum Mittagessen rollten wir in Murchison ein und konnten hier in aller Ruhe entspannt den Nachmittag verbringen.

Hochprozentig: Kurz und knackig heute auf den Pass hinauf. Hier war es schon wieder flacher.

Weit draußen: Asphalt schon lange nicht, aber hier lohnt sich auch keine Brücke mehr.
Tag 36 – 33 km 305 Hm
Dieser Tag versprach schon morgens, ein genussvoller zu werden: Bei strahlend blauem Himmel ohne eine Wolke wachten wir vor einem wunderbaren Bergpanorama auf. Nach dem Frühstück konnten wir losradeln mitten in dieses Panorama hinein. Kleines Sträßchen, null Verkehr, unterwegs waren Schaffarmer bei der Arbeit zu beobachten, bald schon kein Asphalt mehr. Erst nach der Mittagspause begann der Passanstieg zum Maruia Saddle, vor dem zahlreiche Schilder warnten, ihn nicht ohne Allradantrieb zu befahren. Auf dem Rad wars im Vergleich zu so manch anderem zurückliegenden Weg eher einfach, moderate Steigung, ab und zu eine Furt. Wir haben es sehr genossen, genau wie die anschließende Abfahrt. Beschwingt konnten wir das letzte Stück wieder auf dem Highway zur Unterkunft hinabrauschen, wo wir herzlich empfangen wurden. Direkt nebenan liegt die Grundschule für die Kinder der verstreuten umliegenden Farmen. Im Pool der Schule konnten wir uns abkühlen und dann den Abend entspannt genießen.

Genusstag: Hier sind wir schon einige Kilometer ins Panorama hineingefahren. Begegnet ist uns an diesem Tag niemand.



Mehr als ein Schild warnt vor dem Weg. Auf dem Rad hat es echt Spaß gemacht.


Geschafft: Mit nur ganz leicht feuchten Füßen oben angekommen am Meilenstein #18: Maruia Saddle
Tag 37 – 59 km – 808 Hm
Mehr Bilder und Videos gibt es wie immer hier: www.instagram.com/bikepackingfamily.cc
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