Mehrere Tage Kampf gegen die großen Gegner des Fahrradfahrers
Am Tag zuvor waren unsere Essensvorräte fast vollständig erschöpft, weil wir in der ersten Nacht unachtsam einen Teil des Proviants im Fahrradanhänger gelassen und diesen nur lose verschlossen hatten. Bei den etwas obszönen Geräuschen neben unserem Zelt hatten wir uns mitten in der Nacht hatten nichts gedacht, mussten aber morgens entsetzt feststellen, dass ein Possum oder ein anderes Tier einen Teil unseres Proviantes aufgefressen hatte. Bis nach Ahipara haben wir es geschafft, doch hier war bei unserer Ankunft entgegen der Angaben der einzige (winzige) Supermarkt im Ort geschlossen. Zum Glück ist der Campingplatz hier groß und verkauft auch ein paar Kleinigkeiten, zum Abendessen musste also eine Packung Nudeln herhalten, halb so wild. Am Morgen konnten wir dann die Vorräte auffüllen, bevor es auf den Weg ging.
Der Trailer war frisch beladen mit Proviant nun wieder besonders schwer, und das machte sich schnell bemerkbar, denn es galt an diesem Tag ein paar ordentliche Hügel zu überwinden. Hier oben im Norden ist nicht besonders viel los und entsprechend sind die Straßen gebaut – schmal, und an den Hügeln hat man sich keine Mühe gegeben, die Steigung durch ein paar Kurven mehr etwas abzumildern, meist geht es in der Diretissima schnurgerade hinauf. Auf dem Fahrradcomputer waren immer wieder erschreckend hohe Zahlen zu lesen. Als dort zwischenzeitlich 18 % erschien, wurde es durchaus schmerzhaft, denn der Anhänger wiegt mit Passagier, Gepäck und Proviant immerhin zwischen 35 und 40 kg.
Die Landschaft hat dafür aber einigermaßen entschädigt, der Weg führte durch weitgehend leeres Farmland, das Wetter war gut und zur Mittagszeit konnten wir eine ausgiebige Rast mit Picknick einlegen. Karl konnte im Gras rumkrabbeln und sich richtig austoben, bevor er erschöpft wieder seinen Platz im Anhänger einnahm und wir frisch gestärkt weiterfahren konnten. Einen längeren Abschnitt auf einer Schotterstraße haben wir ausgelassen und sind stattdessen auf der Hauptstraße geblieben, eine gute Entscheidung, wie uns hinterher mehrfach bestätigt wurde – die Straße war wenige Tage zuvor neu geschottert worden und war mit dem Fahrrad kaum passierbar.


Kleines Tierchen: Diese blinde Passagierin fand es bei uns spannender als bei den Imkern, die gerade an der Straße ihre Völker aufstellten. Großes Tierchen: Karl neben einem Walschädel
Auf dem letzten Stück des Tages war es nicht mehr hügelig, dafür wieder ziemlich windig, als wir am Hokianga Harbour wieder das Meer erreichten. Nach jeder Kurve kam der Wind aus einer neuen Richtung und hat uns manchmal fast vom Rad gefegt. Wir waren sehr froh, als wir nach einem langen Tag unsere Unterkunft in Kohukohu erreicht haben. Das Tree House ist eine kleine Backpacker-Lodge, die gefühlt mitten im Dschungel steht, wunderschön in einem Meer aus Pflanzen gelegen. Nicht unbedingt auf Familien ausgerichtet, aber die Gastgeber waren sehr entgegenkommend und haben ihr Bestes gegeben, sodass Karl ein entspanntes Bad in der Abendsonne nehmen und sicher schlafen konnte. Hier haben wir auch Steve und seine Frau wiedergetroffen, denen wir zuvor schon mehrfach begegnet sind. Die beiden wohnen in Auckland, sind schon weit über dem Renteneintrittsalter und radeln die Tour Aotearoa auf E-Bikes.
Tag 4 – 66 km – 864 Hm
Es ist noch früh auf unserer Reise und täglich lernen wir dazu. Die Erkenntnis von gestern war, dass unscheinbar wirkende Distanzen mit dem ganzen Gepäck um ein Vielfaches anstrengender sein können als erwartet. Ziemlich müde von dem langen Tag waren wir also noch unentschlossen, ob wir heute wirklich wieder einen sehr langen Abschnitt mit noch mehr Höhenmetern einlegen sollten. Die Entscheidung wurde uns aber früh abgenommen, als wir zwar mit einem fröhlichen Kind, aber einem äußerst unglücklichen Geruch aufwachten. Schnell war klar, dass der Vormittag zum Waschen und Trocknen von Kleidung und Schlafsack notwendig sein würde.
Somit brachen wir erst nach dem Mittagessen auf und begannen den Tag mit der zehnminütigen Fährfahrt von Kohukohu nach Rawene. Das Personal hat sich sehr über die Radfahrer mit Baby gefreut und sich geweigert, für die Fahrkarten Geld anzunehmen. Auf dem Boot konnten wir schonmal einen Vorgeschmack von dem spüren, was uns auf dem nächsten Abschnitt erwartete: Der Wind war noch stärker als am Vortag und machte die flachen Abschnitte mindestens so anspruchsvoll wie die wenigen Hügel auf dem Weg. Man musste sogar bergab kräftig treten und manchmal wurden wir von Böen regelrecht zum anderen Straßenrand getragen und konnten froh sein über den weiterhin geringen Verkehr in dieser Gegend.
So waren wir erleichtert, heute schon bald den nächsten Etappenort erreicht zu haben und in Opononi zur Abwechslung mal in ein recht komfortables Motelzimmer einzuziehen, zumal draußen später auch noch einige heftige Regengüsse niedergingen. Zu Fish and Chips am Abend gab es nach fast einer Woche mal wieder ein lang ersehntes kühles Bier und bald konnten wir alle drei erholsam im Bett träumen.
Tag 5 – 26 km – 405 Hm


Fährfahrt: Wie ein Fjord, aber ohne Berge zieht der Hokianga Harbour tief und verzweigt ins Landesinnere. Früher war mehr Lametta: Pohutukawa stehen überall und blühen immer zur Weihnachtszeit, daher werden sie auch New Zealand Christmas Tree genannt.
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