Jules Vernes‘ Geschichten wären sicher anders verlaufen, wäre ein krankes Baby dabei gewesen
Nach einer Nacht im Zelt mit mäßiger Schlafqualität und unruhigem Kind stand für diesen Tag eine der wahrscheinlich härtesten Tagestappen an: hoch auf das kaum besiedelte Zentralplateau und zum Zentrum der Nordinsel. Bevor wir aber Gelegenheit bekamen, über Schottersteine, Höhenmeter und platte Reifen nachzudenken, wurde erstmal offensichtlich, warum die Nacht so unruhig gewesen war und was da im Stillen vor sich hingegoren hatte: Karl hatte heftigen Durchfall entwickelt und obwohl wir am Abend zuvor extra noch besser passende Windeln der nächsten Größe besorgt hatten, war sämtliche Kleidung inklusive dem wasserfesten Wetteranzug eingesaut. Keine einfach zu lösende Aufgabe, wenn man am Seeufer campt. Zum Glück gab es eine öffentliche Toilette mit Wickeltisch und Lukas ist dann erstmal losgefahren, um im Ort den Waschsalon aufzusuchen, während Mandy zusammengespackt hat. Nachdem alles eingepackt war, haben wir auf dem Weg noch die frische Wäsche wieder abgeholt und irgendwie auf die Räder verteilt außen befestigt – für den Rest des Tages waren wir dann als fahrende Wäscheleinen unterwegs, es war ja trocken.


Der bisherige Höhepunkt der bösen Überraschungen, nächster Halt: Waschsalon. Vor der Brücke muss dann schließlich die fahrende Wäscheleine demontiert werden.
Wo die Straße scheinbar endet, geht es trotzdem weiter über Stock und Stein, auf Trampelpfad, wackeliger Brücke, Singletrail.
Karl ging es dabei zum Glück nicht wirklich schlecht, er hat einfach den größten Teil des Tages verschlafen – was gut war, denn wir waren heute sehr lang unterwegs und haben das Ziel dieser Etappe erst nach 18 Uhr erreicht. An den meisten Tagen sind wir mindestens zwei Stunden früher am Ziel.
Die ersten zwanzig Kilometer waren noch harmlos. Für ein Gefühl zum Rest des Tages sei aus dem Guidebuch zur Tour Aotearoa zitiert: »Bleibt auf dieser Straße, wenn die Oberfläche von Asphalt zu Schotter wechselt und dann zu Erde. Wo die Straße scheinbar endet, nehmt den kleinen Trampelpfad auf der linken Seite, der zu einer schmalen Seilbrücke führt …« Schmal bedeutet in diesem Fall, dass nur eine Person die Brücke passieren kann und Fahrräder auf dem Hinterrad geschoben werden müssen. Schon mehrfach waren wir froh über unsere Entscheidung für den Singletrailer anstatt einen zweispurigen Anhänger mit mehr Gepäckraum. Hier wären wir mit einem solchen schlichtweg völlig aufgeschmissen gewesen und hätten umkehren müssen. Also Trailer abkoppeln, Taschen abmachen, Kind sicher in die Trage packen um die Hände frei zu haben, alles einzeln auf die andere Seite schleppen, Fahrräder und Trailer rüberwuchten. Nach einer Mittagspause alles wieder aufbauen und dann rein in den Wald. So schön die Landschaft und so spektakulär die Brücke war, so hart waren die restlichen 27 Kilometer des Tages. Zunächst fünf Kilometer Singletrail mit anspruchsvoller Oberfläche hart bergauf, dann den Rest auf geschotterten Straßen, die hier kaum mehr sind als Wirtschaftswege und nirgendwo hinführen. Entsprechend ist ihr Zustand, Schlaglöcher groß wie Waschwannen, viele lose, bis zu faustgroße, scharfkantige Steine bilden die Oberfläche, darauf Steigungen im oft zweistelligen Bereich. Eine Reifenpanne sollten wir in den kommenden Tagen noch öfter erwarten, wundersamerweise blieben wir aber verschont.


Geschafft: 1000 extraharte Höhenmeter auf dem scheußlichsten Schotter des Landes. Kurz zuvor: Meilenstein #8: Der Mittelpunkt der Nordinsel.
Ziemlich entkräftet kamen wir in dem nur aus wenigen Häusern bestehenden Dörfchen Pureora an, wo wir in einer sehr simplen Cabin unterkommen konnten. Dort hat uns Gastgeberin Frances willkommen geheißen und mit ihrer beeindruckendn Gastfreundschaft den Rest des Tages angenehm gemacht: Noch vor dem Einchecken gab es Süßigkeiten, gemeinsam wurde ein Weg gesucht (und gefunden), um für Karl ein angenehmes und sicheres Nachtlager zu improvisieren und als wir aus der Dusche kamen, stand Frances mit einem Tablet vor unserer Türe, darauf ein Salat, Babynahrung und Obst fürs Frühstück. Gestärkt und müde sind wir ins Bett gefallen. Und in der Nacht begann der Regen …
Tag 16 – 49 km – 1060 Hm

Frances von den Pureora Cabins war sehr beeindruckt von Karl und unserem Vorhaben und außerdem unvorstellbar hilfreich und gastfreundlich.
Mehr Bilder und Videos gibt es wie immer hier: www.instagram.com/bikepackingfamily.cc
bikepackingfamily