Nach langer Strecke zur verdienten Ruhepause
Kühl war es am Morgen, aber sonnig und ein weiterer Tag mit perfektem Radwetter bahnte sich an. Ein Tag fast vollständig auf dem Highway stand an, auf einem untergeordneten mit weniger Verkehr zwar, dennoch war uns dabei ein bisschen mulmig zumute. Zwar sind die allermeisten Autofahrer vorsichtig beim Überholen und es geht insgesamt deutlich entspannter zu als auf deutschen Straßen, aber immer wieder gibt es doch welche, die den Abstand nicht einschätzen können, vor allem, wenn ihrem Fahrzeug noch ein breiter Wohnwagen folgt. Radfahrer im Straßenverkehr sind hier kein häufiger Anblick und Kinderanhänger kennt man so gut wie nicht – aus einigen Gesprächen wissen wir, dass die meisten Leute Gepäck, einen Hund oder alles Mögliche in dem Anhänger vermuten, und obwohl schon seit Längerem ein Schild an seiner Rückseite darauf hinweist, wurden wir auch schon gefragt, wo denn das Baby sei. Um es also noch klarer zu machen, war mit einer weißen Plastiktüte und einem Filzstift schnell noch ein Schild improvisiert, das nun hinten an Mandys Satteltasche die Autofahrer darauf hinweist.


Warnhinweise: Damit es möglichst alle rechtzeitig sehen. Heute scheint es funktioniert zu haben.
Vielleicht hat es geholfen, denn der wenige Verkehr, der uns an diesem Tag und am Anstieg zur heutigen Passhöhe, dem Rahu Saddle, überholt hat, war ausnahmslos vorsichtig und rücksichtsvoll. Über das Bergbaustädtchen Reefton gibt es nicht sehr viel zu erzählen. Es gibt einen Campingplatz und sogar zwei Supermärkte, womit es sich als Etappenziel qualifiziert, und am nächsten Tag ist man wieder weg. Nicht nur wir haben es so gehalten.
Tg 38 – 62 km – 476 Hm
Die Campingplätze vemieten hier meist auch Blockhütten und wir waren mal wieder besonders froh über das feste Dach, denn die Nacht war ziemlich ungemütlich – it rained cats and dogs, wie man hier sagt. Schon mit dem Tagesanbruch war es damit aber vorüber und einmal mehr konnten die Regenjacken im Gepäck bleiben. Zum Glück, denn heute stand unsere bisher längste Etappe an.
Das Guidebuch schlägt als Route ab Reefton wieder einen Mountainbiketrail vor. Dieser wirkt in Beschreibung und Bildern äußerst spektakulär und reizvoll, auf den Spuren des Goldrauschs der 1860er-Jahre führt er durch ein abgelegenes Tal, an den Überresten der Minen und durch eine längst verlassene Geisterstadt hindurch. Die Natur hat sich hier das Land zurückgeholt und entsprechend schwierig ist der Weg. Wir haben zwar inzwischen auch jede Menge Erfahrung mit solchen Trails gesammelt und sind schwer abzuschrecken, doch fiel hier die Entscheidung nicht schwer: Flussfurten halten uns zwar nicht mehr zurück, aber es gibt längere Tragepassagen und hier wird es mit Anhänger schlichtweg unmöglich. Schade! Meilenstein #19 aus dem Guidebuch haben wir damit auch verpasst.

Goldrausch: Nicht aus Metall, trotzdem sehr schön.
Die einzige Alternative folgt wieder dem Highway, auch heute war hier nicht viel los und wir zügig unterwegs. Als wir gegen Mittag wieder auf einer einsamen Seitenstraße unterwegs waren, kam starker Gegenwind auf und in einem Regenschauer flüchteten wir uns für die Mittagspause in eine Schutzhütte. Erst auf den zweiten Blick stellten wir fest, dass wir uns in der Gedenkstätte für das Pike River Mine Desaster befanden, wo 2010 bei einem Grubenunglück 29 Bergarbeiter ums Leben kamen. Sie konnten nie geborgen werden und noch heute beschäftigt das Unglück Gerichte, Politik und Bevölkerung. Während unserer Pause waren noch einige andere Besucher hier, obwohl der Gedenkort doch ziemlich abseits liegt. Ein sehr nettes Paar im Wohnmobil hat uns nach einem kleinen Gespräch kurzerhand mit Kaffee versorgt.
Nach langen 85 Kilometern erreichten wir am Nachmittag den Campingplatz etwas außerhalb von Greymouth, wo wir nach 363 Kilometern in sechs Tagen gleich zwei wohlverdiente Ruhetage eingelegt haben. Dies gab uns ausreichend Zeit um auszuschlafen, im Fahrradgeschäft Ersatzteile zu besorgen, den Strand und die lokale Brauerei zu genießen und in aller Ruhe die Mole zu besuchen, wo als Meilenstein #20 der Grey River auf die Wellen der Tasmanischen See trifft. Unser kleiner Mann hat die Zeit ebenfalls sinnvoll genutzt für eine schlaflose Nacht und einen gewaltigen Entwicklungsschritt (im Wortsinn!), mit dem er uns am nächsten Tag und seither begeistern konnte.
Tag 39 – 85 km – 490 Hm


Meilenstein #19: Den Goldrausch am Big River Trail mussten wir auslassen, stattdessen das Denkmal für die verünglückten Kohlebergarbeiter. Meilenstein #20: Die Mole in Greymouth haben wir am Ruhetag in Ruhe besucht.
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