Ein paar verrückte Tage

Meistens läuft es anders als erwartet

Mal wieder mit einiger Verzögerung schreiben wir heute den nächsten Bericht. Der letzte liegt schon einige Tage zurück und in der Zwischenzeit sind wir auch schon wieder ein gutes Stückchen vorangekommen. Es lief aber auch einiges anders als gedacht und deswegen sind wir einfach nicht zum Schreiben gekommen, obwohl wir sogar drei ganze Tage Pause am Stück eingelegt haben.

Unser Tagesablauf hier ist meistens ziemlich gleich und ziemlich voll. Zeit, um Nachrichten zu beantworten oder Blogeinträge zu schreiben ist erst abends, wenn Karl schon schläft – sofern er das denn tut. In der letzten Woche war er erst für zwei Tage krank, hatte ziemlich hohes Fieber und war entsprechend gelaunt. Es geht ihm zwar längst wieder gut, anschließend scheint er aber irgendeine Form von Entwicklungsschub erlebt zu haben und überrascht uns nun mehrfach täglich mit neuen Kunststücken und Verhaltensweisen, die wir zuvor nicht kannten. Es ist wunderbar, zu sehen, wie er auf einmal ein neues Verständnis für Dinge in seiner Umgbung entwickelt hat und auf ganz neue Weise interagiert. Schlagartig scheint er auch viel mehr von dem, was gesprochen wird, zu verstehen. Jedenfalls hat beides dafür gesorgt, dass die Abende in der letzten Woche ziemlich anstrengend waren, weil er entweder mies gelaunt war oder voller Energie und länger wach bleiben wollte als wir. Oder weil es ihm schlecht ging und er deshalb nicht in den Schlaf gefunden hat. Wenn es dann endlich so weit war, hieß es für uns meist erschöpft schnell einen Teller längst kalter Nudeln reinschaufeln und dann selbst schlafen gehen.

Wie gesagt sind wir aber inzwischen trotzdem schon ein ganzes Stück weiter gekommen und haben einiges erlebt. Aber der Reihe nach. Von Picton aus ging es weiter Richtung Westen, zunächst an der verschlungenen Küste der Marlborough Sounds entlang. Diese Fjorde sind verwinkelt und tief eingeschnitten zwischen Bergen. Entsprechend führt der Weg ständig berauf und bergab, dabei fällt der Blick auf kleine Buchten und Strände am türkisblauen Meer, auf Boote aller Art und auf verstreute, schwer zugängliche Häuser. Es war zudem ziemlich heiß, sodass jede Menge Assoziation mit Begriffen wie Kroatien, Adria, Toskana und so weiter aufkamen. Die Mittagspause konnten wir am Strand einer kleinen Bucht einlegen, uns kurz im Wasser abkühlen und im klaren Wasser ziemlich große Stachelrochen beobachten.

Sommer, Sonne, Kaktus: Die Fjorde ähneln bei diesem Wetter eher der Mittelmeer- als der Nordseeküste. Zur Mittagspause gab es Stachelrochen zu beobachten.

Anschließend galt es noch einen unangenehmen Abschnitt auf dem viel befahrenen Highway zurückzulegen, bevor wir in Canvastown ins lokale Dorfhotel und Pub einchecken konnten. Hier kommen die Leute der weit verstreuten Häuser und Farmen zusammen für ihr Feierabendbier. Ein Baby im Pub hatte keiner von ihnen erwartet, gefreut haben sich alle. Die Betreiber des familiengeführten Hotels waren auch äußerst herzlich und es wurde sogar aus irgendeiner Ecke noch ein Babybett ausgegraben. Das Hotel hatten wir in dieser Nacht für uns.

Tag 32 – 46 km – 482 Hm

Am nächsten Tag führte der Weg nach Nelson, die lokale Metropole im Norden der Südinsel, bekannt für stabiles Sommerwetter, Nähe zu mehreren Nationalparks, goldene Strände und jede Menge Craft Beer aus zahlreichen kleinen Brauereien. Von Canvastown führen zwei Wege dorthin, und die Frage, welchen davon wir wählen, hatte uns schon mehrere Tage intensiv beschäftigt. Eine Option (die im Guidebuch beschriebene) führt über ein Schottersträßchen ins Nichts, dann auf einem kaum so zu bezeichnenden Pfad mit scheußlicher Oberfläche, jeder Menge losem Gestein und angsterregender Steigung auf den 700 m hoch gelegenen Maungatapu-Sattel und schließlich auf einer technisch äußerst anspruchsvollen Abfahrt hinunter nach Nelson. Man wird überall gewarnt und dazu angehalten, sich auf Schieben über längere Strecken einzustellen. Die andere Variante führt über den deutlich lägeren Highway mit kaum weniger Höhenmetern um den Berg herum. Nach der Recherche hatten wir uns eigentlich aufgrund unseres schweren Anhängers für Variante zwei entschieden. Nachdem aber eine Menge Regen angekündigt wurde und nach der Erfahrung vom Nachittag beschlossen wir morgens dann doch, dass Variante eins weniger furchteinflößend klingt als der vielbefahrene Highway und beschlossen, den Versuch einer Erstbefahrung des Maungatapu-Sattels mit Fahrradanhänger zu wagen.

Weg? Naja. Je weiter wir nach oben kamen, desto nasser wurde es.

An Weiterfahrt nicht zu denken: Irgendwann wurde es einfach zu steil und lose.

Auf dem Schottersträßchen, dass zwischen kleinen Farmen zum Fuß des Passes führt, kam uns ein Transporter entgegen und hielt neben uns an. Heraus schauten drei Männer, die uns am Vorabend im Pub gesehen hatten, und machten ziemlich verwunderte Gesichter. Ob denn diese Strecke mit dem Fahrrad passierbar sei?! Eine Mischung aus Anerkennung und Sorge war in ihren Blicken zu lesen. Die drei waren Imker bei der Arbeit und als Anreiz bekamen wir ein Glas von ihrem hochwertigen (und ziemlich teuren!) Manuka-Honig in die Hand gedrückt. Bald darauf war die Straße zu Ende und der Grund für all die Warnungen lag vor uns. Nun denn, der Versuch der Erstbefahrung mit Anhänger war extrem anstrengend, ziemlich nass, am Ende aber erfolgreich, wenn auch die letzten zwei von ungefähr acht Kilometern bis zum Pass geschoben werden mussten, weil der Untergrund aus losen, scharfkantigen Steinen der Größe von Ziegelsteinen bestand und die Steigung auf dem gesamten Weg selten unter 15 % fiel. Die Abfahrt war nicht weniger aufregend. Steil, technisch und schwierig zu fahren. Wenn zu viel gebremst wird, schiebt der Anhänger von hinten an und drückt manchmal das Hinterrad aus der Spur. Nach weiteren vier Kilometern hatten wir aber den Stausee erreicht, ab dem wie angekündigt wieder eine als solche zu bezeichnende Straße talwärts führt, die irgendwann sogar wieder asphaltiert ist und unvermittelt in die Stadt Neson hineinführt. Verrückterweise sind uns an diesem Tag auf diesem wahnwitzigen Weg trotz des grässlichen Wetters mehr andere Fahrradfahrer begegnet als an jedem anderen Tag bisher auf dieser Tour.

Geschafft: Endlich oben auf dem Maungatapu-Sattel, Meilenstein #16. Die Abfahrt war nicht weniger herausfordernd.

Fazit: Wir können es zwar nicht beweisen, behaupten aber einfach, als erste Menschen einen Anhänger mit Baby hier hoch und wieder runtergezogen zu haben. Landschaftlich tolle und eindrucksvolle Strecke, mit Mountainbike mit dicken Reifen würden wir es jederzeit wieder machen, mit dem Gravelbike reicht einmal.

Nach einer warmen Dusche freuten wir uns auf eine frühe Nacht mit tiefem Schlaf, was aber bald durchkreuzt wurde, als Karl sich unerwartet noch wärmer anfühlte als sonst und das Thermometer erst jenseits der Vierzig zum Stillstand kam.

Tag 33 – 51 km – 1160 Hm

Endlich: Wieder vernünftige Straße, ab da war es eine Genussabfahrt und es kam sogar die Sonne wieder raus.

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