Kraft in den Beinen, und Sonne überm Kopf
Haast Pass – eine von nur drei Möglichkeiten, um die Southern Alps zu überqueren, der am weitesten südlich gelegene Pass und auch der niedrigste. Trotzdem hatten wir ordentlich Respekt vor diesem Tag angesichts der vielen Höhenmeter und der großen Distanz. Den scheußlichen Regentag mutzten wir nicht nur zum Ausruhen, sondern auch, um Karls ersten Geburtstag zu feiern! Seit einem Jahr ist der kleine Mann nun bei uns und bereichert uns. Wir sind jetzt schon zwei Monate unterwegs und er hat auf dieser Reise unglaublich viele Entwicklungsschritte gemacht. Die Feier fiel leider klein aus, weil die Ressourcen unterwegs und in dieser abgelegenen Gegend einfach begrenzt sind. Ein paar Tage später haben wir das nachgeholt. Karl konnte aber am Nachmittag angemessen die Sau rauslassen und rumkrümeln im örtlichen Pub, wo wir Renco und Anneke auf ein Bier trafen.
Am nächsten Morgen hatte sich zum Glück für die Königsetappe wieder Kaiserwetter eingestellt. Strahlend blauer Himmel und angenehme Temperatur machten den Vormittag zur Genussfahrt, es ging auch erstmal knapp fünfzig Kilometer am Haast River entlang und nur äußerst gemächlich bergab. Wir kamen aus dem Staunen kaum heraus, links von uns der Fluss, rechts dichter Regenwald, auf beiden Seiten flankiert von steilen Bergwänden, an denen oben in der Höhe unzählige Wasserfälle zu sehen waren. Es ging sehr schnell vorwärts, der Großteil des Verkehrs führte in die Gegenrichtung talabwärts und im Nu waren wir am Fuß des eigentlichen Passes angekommen.

Kaiserwetter: Der allerletzte Rest der Regenwolken verzieht sich gerade noch, aufs Wetter losfahren.


Zeit zu feiern: Karl wurde vom Säugling zum Kleinkind befördert und ALLE sollten das unterwegs auch erfahren. Mittagsrast war an einem Wasserfall.


Berge, Fluss, Wasserfälle: So sah es für die erste Hälfte des Tages aus. Sichtbar: Auf der Straße fallen wir auf. Hier wurden wir von einer Autofahrerin fotografiert und auf Instagram wiedergefunden.
Knapp vier Kilometer, fast 400 Höhenmeter umfasst diese Schlüsselstelle. Die Steigung liegt also konstant im zweistelligen Bereich. Das ist extrem schwierig mit schwerem Gepäck und Trailer, und wahrscheinlich hat es auch nicht geholfen, unmittelbar vor dem Steilstück eine ausgedehne Mittagspause einzulegen und mit kalten, schweren Beinen in die Steigung zu gehen. Jedenfalls war es schmerzhaft, aber wie jeder weiß, vergeht Schmerz, und als wir oben ankamen, war er schon wieder vergessen und nicht nur die abschließenden 25 Kilometer angenehmes Rollen nach Makarora belohnten für die Anstrengung.


Hochprozentig: Harte Arbeit auf dem Steilstück vor Meilenstein #25: Haast Pass
Tag 47 – 81 km – 873 Hm



Erst See rechts, dann See links. Die Umgebung wirkt inzwischen fast mediterran.


Frisch erholt ging es heute erstmal weiter bergab, bald aber am Ufer von Lake Wanaka und später Lake Hawea entlang immer auf und nieder. Um uns herum zwar weiterhin hohe Berge, doch wirkte die Umgebung hier jetzt beinahe mediterran. Weiterhin gibt es keine alternativen Wege zum Highway und so begeneten wir auch heute immer wieder denselben Leuten, die wir schon seit Tagen immer wieder getroffen hatten: Einem Pärchen aus Finnland, zwei Briten und Renco und Anneke aus den Niederlanden. Im Ort Hawea nach der Mittagspause konnten wir endlich den Highway mit dem heute sehr anstrengenden Verkehr verlassen – nach knapp 400 Kilometern gab es erstmals wieder eine andere Möglichkeit, heute für den Rest des Tages einfache Mountainbiketrails. Trocken und staubig war es da, der Kettenschmierstoff war uns schon einige Tage zuvor ausgegangen und nun gab der Staub unseren Ketten den Rest.
Mit gequältem Quitschen konnten wir am Nachmittag endlich Wanaka erreichen. Die erste vernünftige Ortschaft seit Hokitika, mit Supermarkt, Fahrradgeschäft und mehr als zwei Straßen. Hier war wieder ein Tag Erholungspause angesagt nach den beiden ziemlich langen Etappen. Zeit genug, die Räder wieder fit zu machen, Reifen zu erneuern und Vorräte aufzufüllen. Nach Wanaka kommen sehr viele Touristen und auch wir konnten uns ein bisschen dem Mainstream hingeben, am See spazieren gehen, mit hunderten anderen den berühmten Wanaka Tree fotografieren und Karl auf dem Spielplatz spielen lassen.


An dieser schön benannten Straße in Hawea gab es Mittagspause. Danach endlich nach 400 km wieder vom Highway runter. Staubige Angelegenheit, unsere Kettem haben ein trauriges Lied gesungen.

Meilenstein #26: Die Hängebrücke über den Hawea River.


Berühmt: Der Wanaka Tree, eine Weide, die mitten im Wasser steht. Frage des Blickwinkels: nicht nur wir wollten den berühmten Baum knipsen.

Tag 48 – 74 km – 721 Hm


Verschlissen: in Wanaka war genügend Zeit für einen neuen Reifen und Pflege der Räder. Karl hat tatkräftig mitgeholfen.
Zwischen Wanaka und Queenstown liegt der höchste Pass der Tour Aotearoa, Crown Range, gut vierzig Kilometer geht es bergauf, erst sanft, dann immer steiler. Auf halber Strecke liegt Cardrona, ein Skiort mit einem berühmten Hotel aus dem Jahr 1863 (das ist in Neuseeland ungefähr so bemerkenswert, wie wenn in Europa ein Hotel unter Kaiser Augustus erbaut worden wäre). Gegenüber vom Hotel wohnt Sarah, die uns über Instagram kontaktiert und eine Bleibe für die Nacht angeboten hatte. Ein weiteres Beispiel der unglaublich großzügigen Gastfreundschaft und Offenheit, auf die wir hier so oft schon getroffen sind. Perfektes Timing für uns, um den langen Anstieg auf zwei Tage zu verteilen und ein großartiger Ort für den Nachmittag und die Nacht.

Meilenstein #27: das berühmte Cardrona Hotel


Gegenüber: Der BH-Zaun von Cardrona. Irgendwann von alleine entstanden und auch merkwürdig berühmt.
Tag 49 – 25 km – 236 Hm
Tag 50 unserer Tour führte uns zunächst (steil!) hinauf auf den Crown-Range-Pass. Am höchsten Punkt auf der gesamten Tour – 1076 m, die Angaben schwankenaber um bis zu 50 m – ist der Ausblick grandios über die umliegenden Berge und Täler, auf den riesigen Lake Wakatipu und das an seinem Ufer liegende Queenstown, unserer heutiges Ziel. Queenstown ist ein Tourismusort und unglaublich voll mit Menschen, die hierher kommen um in den Bergen, auf dem Wasser und in der Luft alle möglichen Arten von Outdooraktivitäten zu unternehmen. Wahrscheinlich muss man monatelang im Voraus eine Unterkunft buchen, wir jedenfalls fanden noch nichtmal auf den Campingplätzen oder in den Oren auf dem Weg nach Queenstown etwas Geeignetes, sodass es am Ende zähneknirschend ein ziemlich teures Hotel werden musste. Immerhin gab es ausgezeichnete Fish&Chips zum Abendessen.
Tag 50 – 55 km – 930 Hm


Steil bergab? Ja, aber erst, wenn man es sich steil bergauf verdient hat!


Höhepunkt: Die Cima Coppi unserer Tour, der höchste Punkt auf dem Crown Range Sattel. What goes up, must come down: Im Hintergrund am See ist Queenstown sichtbar, unser Tagesziel


Endlich flach: Nach der Schinderei und den vielen Bergen zum Abschluss entspannt am Seeufer entlang nach Queenstown. Abends gabs dort Fish&Chips am Seeufer, außerdem Meilenstein #28: Irgendwo in Queenstown.
Mehr Bilder und Videos gibt es wie immer hier: www.instagram.com/bikepackingfamily.cc
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