Bikepacking Baby

Der feuchte Sand unter unseren Rädern entwickelt sich allmählich zu einer körnigen Paste, die dem Druck der schnell rotierenden Reifen nachgibt. Wir hinterlassen seit vier Stunden kilometerlange Furchen im Ninety Mile Beach. Der Wind bläst erbarmungslos von vorne. Nun kündigt sich seit einiger Zeit die Flut an und rückt kompromisslos von Minute zu Minute näher. Wir nutzen das mittlere Drittel des Strandes, um unser Tempo halten zu können. Weit genug weg von den Dünen, in denen wir hier und da Wildpferde vorbeiziehen sehen und in deren Nähe uns der lockere Sand stoppen würde. Weit genug entfernt vom rauschenden Ozean, der die Wellen auf den Strand spült und das Wasser von unten durch den Boden drückt. Irgendwo dazwischen gibt es noch einen Streifen fahrbaren Untergrund für uns drei, doch dieser Streifen wird immer schmaler. Lukas gibt die Geschwindigkeit vor auf seinem grünen Custombike mit Lenker- und Rahmentasche und dem 40 kg schweren Singletrailer mit unserem zehn Monate alten Jungen und dem Reisegepäck: Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Verpflegung, Windeln, Kleidung. Ich fahre nebenher auf meinem violetten Gravelrad mit meiner Lenker-, Rahmen- und Satteltasche, gekrönt von einer weißen Plastiktüte, die benutzte Windeln und unseren Restmüll enthält. In Neuseeland gibt es vielerorts keine Mülltonnen. Man behält seine Reste bei sich bis zum nächsten zivilisierten Ort. Wir wollen diesen ersten Abschnitt ganz im Norden unserer Reise zügig hinter uns lassen. Wir versuchen es zumindest. In diesem Moment wird mir klar, wie Theorie und Praxis aufeinander prallen können. Ich habe meinen Körper in den letzten zehn Monaten unter neuen Bedingungen kennengelernt – es macht einen Unterschied, wenn man nebenher einen kleinen Menschen an der Brust ernährt. Der lockere Untergrund erhöht die Reibung bei jedem Tritt. Meine Beine bringen kontinuierlich mehr Kraft auf. Ich trete und trete, meine Oberschenkel brennen. Ich frage Lukas, wie weit es noch bis zum Nachtlager ist und mir wird klar, dass ich sehr bald an meine Leistungsgrenze geraten werde. Meine Knie werden weich und zittrig, ich atmete schneller, in meinem Kopf beginnt es zu taumeln. Ich verliere all meine Energie. Ein Gefühl, das sich nicht ankündigt, sondern von jetzt auf gleich die Kontrolle übernimmt. Wahrscheinlich stand schon jede stillende Mutter einmal vor dieser vollendeten Tatsache. Es geht nichts mehr. Natürlich waren wir gut vorbereitet, hatten Nahrung, Wasser, Riegel und Gele für drei Tage im Gepäck. Das meiste davon ließ sich nachts zuvor ein Possum schmecken, eines jener gierigen Beuteltiere, die in Neuseeland als eingeschleppte Schädlinge so gefürchtet wie allgegenwärtig sind. Irgendwie war es ihm gelungen, sich durch die verschlossene Plane in den Anhänger zu winden und die Beutel zu durchnagen, bis es an die köstlichen Avocados und das Brot gelangte. Unser Dreitagesvorrat war weg. Für Lukas und mich blieben ein Würfel Käse und zwei Müsliriegel als Mittagsschmaus übrig. Nun liegen noch ungefähr zehn Kilometer vor uns und das Wasser unter uns weicht den Boden auf.

Nachdem wir uns für die Tour entschieden hatten, erhielten wir viele verschiedene Reaktionen. Unmöglich! Mit einem Baby kann man keine Radreise machen. Und so weit, das geht doch erst recht nicht. Das ist purer Egoismus der Eltern. Ein Baby langweilt sich doch stundenlang im Anhänger! Es kann nicht gesund sein, stundenlang zu sitzen. Und wie sicher ist die Fahrt in so einem Anhänger überhaupt? Berechtigte Gedanken. Doch dröseln wir das Ganze einmal auf.

Bevor Kinder in das Leben von zwei Menschen treten, führen diese ihre ganz individuelle Lebensweise. Unsere Freunde Markus und Lina zum Beispiel sind begabte Musiker und haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Der Erfolg ihrer Musik führt zwangsweise zu nationalen und internationalen Auftritten, sie sind dementsprechend häufig unterwegs. Als ihre Tochter Emma geboren wurde, haben sich die beiden dennoch nicht in die Augen gesehen und entschieden, ihre Leidenschaft und Profession an den Nagel zu hängen. Manch einer könnte meinen, dass Livemusik zu laut sei für ein kleines Kind. Zudem sind die meisten Auftritte abends und dauern bis spät in die Nacht hinein. Ein Kind sollte nachts schlafen. Was sollten Markus und Lina also tun? Neue Berufe erlernen und nur noch musizieren, wenn Emma in der Kita ist? Ein undenkbares Szenario. Stattdessen haben sich die zwei einen Camper gekauft. Sie reisen gemütlich von Gig zu Gig und nehmen sich Zeit. Auf den Wegen nutzen sie die Chance und erkunden Städte, Landschaften, gehen in Seen baden, treffen auf Menschen. Jede Tour ist ein kleines Abenteuer. Emma bekommt zum Glück auch genug Schlaf. Lina singt in einer Band, Markus trommelt in einer anderen. Wie in den meisten Familien wird die Care-Arbeit aufgeteilt. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass Emma mit Musik in ihrer Umwelt aufwächst, wie wir schon oft beim Besuch der drei wahrnehmen konnten: Mit ihrer glockenklaren Stimme gibt sie ganz beiläufig im Spiel die schönsten Lieder wieder.

Die Essenz daraus: Ein Kind kommt zu Eltern, die ihr Leben auf eine bestimmte Weise führen, und werden zum Teil dieser Lebensweise. Den Unterschied zum Leben ohne Kinder macht die an Kinder adaptierte Umsetzung der eigenen Gewohnheiten. Das trifft auf jede Familie zu, egal welche Rahmenbedingungen vorherrschen. Arbeitszeiten werden angepasst. Essenzeiten verschieben sich in den früheren Abend. Taschengrößen und ihr Inhalt verändern sich. Diese Adaptationen geschehen bei allen Familien, ob sie reisen oder nicht. Ob sie musizieren oder nicht. Ob sie Fußball spielen oder nicht. Der alte Alltag bekommt einen neuen Anstrich und wird an die Bedürfnisse des Babys angepasst, bleibt aber in seinem Wesen bestehen.

Auf unserer Reise hatten wir uns zum Mantra gemacht, dass unser Baby den Takt vorgibt. Seine Bedürfnisse werden in die Planung integriert. Einige kleinere Testfahrten in der Heimat zeigten, dass unser Kind sehr friedlich im Anhänger schläft. Ein Urlaub mit ausgiebigen Radtouren in Portugal und Spanien bestätigte unsere Erkenntnis. Wir nutzten also seine zwei Schlafphasen am Morgen und nach dem Mittagessen zum Radeln, die es in diesem Alter täglich noch brauchte. Das gab uns etwa zweimal zwei bis drei Stunden am Tag. Je nach Höhenmetern und Bodenbedingungen kamen wir so fünfzig bis über achtzig Kilometer voran. Mit dieser Erkenntnis konnten wir die Radreise durch beide Inseln Neuseelands planen. In der Mittagspause erkundete unser kleiner Mann neue Spielplätze, saß am Strand und spielte im Gras. Er kroch im Wald um Bäume oder erkundete den Außenbereich eines kleines Restaurants. Am Abend taten wir das, was wir auch zu Hause routinemäßig tun: Kochen, Buch lesen, spielen und das Bettritual einleiten. Für unser Baby hat sich auf der Reise nicht viel verändert. Es nahm die vielen neuen Eindrücke positiv auf.

Nein, Egoismus kann ich nicht erkennen, wenn Eltern mit ihren Babys auf Reise gehen. Weder bei Markus und Lina, noch bei unserer Radreise. Ich halte es wie der Kinderarzt und Entwicklungsforscher Herbert Renz-Polster, der nicht müde wird in seinen Vorträgen zu erwähnen, dass die Melodie der gesamten Familie gestimmt sein muss. Jedes Mitglied trägt seinen Teil zum Lied bei. Klingt dieses schräg, muss gemeinsam nachgestimmt werden. Mit anderen Worten: Alle Bedürfnisse müssen gesehen werden, die der Eltern und die der Kinder. Und so findet man als Familie seine Wege, Rituale und seine eigene Lebensweise, in der es allen Mitgliedern gut geht. Kein Egoismus, sondern das ganz normale Familienleben.

Daneben sollten sich die Bedenken rund um Sicherheit und Gesundheit des Babys von selbst beantworten. Wer auf die Bedürfnisse des Nachwuchses schaut, stellt im Vorfeld und zu jeder Zeit sicher, dass das Kind gut liegt, dass es angeschnallt ist und sich wohlfühlt. Zum Glück machen sich große Firmen um den Transport von Kindern schon sehr lange Gedanken und bieten durchdachte Lösungen an. Unfallschutz wird getestet und unter verschiedenen Anbietern verglichen. Konzerne stecken viel Geld in die Weiterentwicklung von Babyschalen, Kinderwägen, Anhängern und Hängematten. Komischerweise machen sich viele Menschen weniger Sorgen darüber, was passieren könnte, wenn ein Baby in einem fahrenden Auto bei 160 km/h sitzt. Mitnichten ist es gesünder, drei Stunden im Autositz statt in einem Fahrradanhänger zu verweilen. Hier setzt bei Eltern der Menschenverstand ein. Ob Auto-, Flug- oder Radreise, als Familie muss jeder Ausflug neu gedacht werden. Die Einwände erübrigen sich somit: Entweder leben alle Eltern puren Egoismus aus oder es ist eben normal, dass Kinder Teil unserer Gewohnheiten sind und entsprechend integriert werden.

Inzwischen ist unsere Reise Vergangenheit und bekannt, dass wir die 3000 km durch Neuseeland geschafft haben. Auch die kritische Lage am Strand haben wir lösen können. Lukas suchte sämtlichen essbaren Inhalt unseres Gepäcks zusammen. Zum Frühstücken hatten wir Haferflocken, Milchpulver und Nüsse zum Verfeinern dabei. Er gab mir die Packung Nüsse und trug mir auf, alle davon zu essen – die ganze Packung. Ich tat, wie mir geheißen. Ich fühlte mich müde und erschöpft. Langsam, so langsam, dass ich und mein Rad fast umfielen, fuhren wir weiter den Strand entlang. Unser Baby babbelte derweil im Anhänger und spielte mit seiner Rassel und dem Unkaputtbarbuch. Gegen 18:00 Uhr erreichten wir die malerische kleine Lodge in den Dünen, wo wir im Lager unterkamen. Ein Mann saß mit seiner Frau und den zwei Töchtern im Außenbereich des Küchenhäuschens und beobachtete, wie ich mich erschöpft in die Lodge schleppte. Er kam auf uns zu, gab uns Nudeln mit Gemüse und bot uns ein Glas Wein an. Wir trafen die Familie in den kommenden Wochen mehrfach wieder. Aber dies ist eine andere Geschichte unserer Reise.

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